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Leseprobe Göttlich verloren

 

Helen atmete flach und hastig. Sie war nun schon die fünfte Nacht in Folge an derselben Stelle der Unterwelt gelandet und wusste, dass sie sich möglichst wenig bewegen durfte, um nicht so schnell im Treibsand zu versinken. Selbst wenn sie normal atmete, zog es sie tiefer in die Grube. Ihr war vollkommen klar, dass sie die Qual nur verlängerte, aber sie konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, schon wieder in dem ekligen Sand zu versinken. Treibsand ist nichts Sauberes. Er ist voll von den modernden Leichen seiner früheren Opfer. Während Helen tiefer und tiefer hinabgezogen wurde, spürte sie, wie die verwesten Körper aller möglichen Kreaturen gegen sie stießen. In der vergangenen Nacht hatte ihre Hand irgendwo in der widerwärtigen Masse ein Gesicht gestreift – das Gesicht eines Menschen.
Eine Gasblase blubberte an die Oberfläche und verbreitete eine stinkende Wolke. Helen musste sich übergeben. Wenn sie gleich unterging, würde der stinkende Sand in ihre Nase dringen, ihre Augen verkleben und ihren Mund füllen. Obwohl Helen erst bis zum Bauch im Treibsand steckte, wusste sie, dass es jeden Moment passieren würde. Sie fing an zu weinen. Sie hielt es nicht länger aus.
"Was soll ich denn sonst tun?", schrie sie und sank ein bisschen tiefer. Sie wusste, dass es sinnlos war, wild herumzustrampeln, aber vielleicht schaffte sie es diesmal, das trockene Riedgras auf der anderen Seite des Lochs zu erreichen und sich daran festzuhalten, bevor der schlammige Sand sie verschluckte. Sie watete vorwärts, aber mit jeder Bewegung zog es sie tiefer in den Sand. Als sie schließlich bis zur Brust eingesunken war, konnte sie sich nicht mehr bewegen. Der Druck des Treibsands presste die Luft aus ihrer Lunge, als würde ein schweres Gewicht auf ihrer Brust lasten – es war fast, als kniete ein Riese auf ihr.
"Ja, ich hab's kapiert!", schluchzte sie. "Ich lande hier, wenn ich beim Einschlafen aufgewühlt bin. Aber wie soll ich beeinflussen, wie ich mich fühle?"
Der Treibsand reichte schon bis zu ihrem Hals. Helen legte den Kopf in den Nacken und reckte das Kinn nach oben, als würde bloße Willenskraft ausreichen, sie an der Oberfläche zu halten. "Ich kann das nicht länger allein machen", schrie sie in den klaren Himmel. "Jemand muss mir helfen."
"Helen!", rief eine tiefe, unbekannte Stimme.
Es war das erste Mal, dass Helen in der Unterwelt eine Stimme hörte und im ersten Moment war sie überzeugt, dass sie halluzinierte. Sie reckte immer noch krampfhaft den Kopf hoch, konnte ihn aber nicht drehen, ohne dabei im Treibsand unterzugehen.
"Greif nach mir, wenn du kannst", sagte der junge Mann mit gepresster Stimme, als hinge er bereits über dem Rand des Lochs, um so dicht wie möglich an sie heranzukommen. "Komm schon, streng dich an! Gib mir deine Hand!"
In diesem Moment füllte der Sand ihre Ohren und sie konnte nicht mehr hören, was er ihr zuschrie. Alles, was sie noch sehen konnte, war das Aufblitzen von etwas Goldenem – ein helles Leuchten, das ihr in dem matten, unheilvollen Licht der Unterwelt vorkam wie der rettende Lichtstrahl eines Leuchtturms. Aus dem Augenwinkel erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf ein markantes Kinn und einen wohlgeformten Mund. Und dann spürte Helen unter der Oberfläche des Treibsands, wie eine warme, starke Hand ihre ergriff und daran zog.

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