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Leseprobe Göttlich verdammt

 

 

 

 

 

In der feuchten Luft konnte Helen ihre Verfolger besser hören, wusste aber, dass dasselbe auch für sie galt. Panisch und vollkommen erschöpft kämpfte sie sich weiter und zwang ihren Körper, noch schneller zu werden. Sie würde rennen, bis das Land zu Ende war. Kurz bevor sie ohnmächtig wurde, spürte sie, wie ihr Körper plötzlich leicht wurde und ihr keuchender Atem sich beruhigte. Die Schmerzen, die ihr bei jedem ihrer Riesenschritte durch den ganzen Körper gefahren waren, hörten abrupt auf. Sie bewegte sich immer noch, aber sie fühlte nichts mehr außer der Kälte und dem Wind, der ihr durchs Haar fuhr. Der Nebel war weg, aber sie sah trotzdem nichts als Dunkelheit und Sterne um sich herum. Überall waren Sterne. Sie schaute nach unten. Unter ihr funkelten winzige Lichter. Und alles, was sie sonst noch entdecken konnte, waren ihre Arme und Beine, die so mühelos in der Luft schwebten, als wäre sie unter Wasser. Sie sah noch einmal nach unten und erkannte die hübsche kleine Insel, auf der sie lebte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Ohne einen Laut verlor sie das Bewusstsein und fiel wie ein Stein von dem Himmel, in den sie gerade erst aufgestiegen war.

Helen hatte grauenvolle Schmerzen. Sie hörte den Ozean in ihrer Nähe rauschen, konnte sich aber nicht bewegen oder die Augen öffnen, um nachzusehen, wo er war. Sie spürte jedoch, wie ihr Kopf sanft auf und ab wiegte, als läge sie mit dem Bauch nach unten auf einem hölzernen Floß. Auf ihren Lippen erschien der Anflug eines dankbaren Lächelns. Etwas hatte ihren Fall gebremst und trug sie jetzt sanft durch die Wellen. Sie versuchte, ihre Schmerzen auszublenden, indem sie zu zählen begann. Unter sich vernahm sie einen stetigen Rhythmus, und nach kurzer Zeit schlug ihr Herz im Takt mit dem Geräusch, das ihr Floß machte. Es pochte mit ihr. Sie lag ganz, ganz still.
Helen kam es vor, als wären Stunden vergangen, als sie endlich in der Lage war, die Augen zu öffnen. Das einzige, was sie in den Lichtwellen eines weit entfernten Leuchtturms sehen konnte, waren Wände aus Sand. Unter ihrer rechten Wange spürte sie ein T-Shirt. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass ein Mensch darin steckte.
Sie lag auf einem Mann. Das Harte unter ihrem Kopf war seine Brust und das merkwürdige Wiegen war sein Atmen. Sie schnappte nach Luft. Die Delos-Jungen hatten sie erwischt.
»Helen?«, hauchte Lucas mit schwacher, keuchender Stimme. »Lebst du? Sag was«, brachte er mühevoll hervor. Er hörte sich nicht an, als wollte er sie umbringen, also antwortete sie. »Lebe noch. Kann mich nicht bewegen«, flüsterte sie. Mit jeder Silbe schoss ein schmerzhafter Blitz durch ihr Zwerchfell.
»Warte. Hör die Wellen an. Ruhig«, sagte er und musste um jedes Wort ringen, weil ihr Körpergewicht ihm die ganze Luft aus der Lunge presste. Helen war klar, dass sie nicht einmal den Arm heben konnte, also entspannte sie sich, wie Lucas ihr geraten hatte, und beobachtete nur, wie die Welt mit jedem seiner Atemzüge auf und ab wiegte. Sie warteten im heller und dunkler werdenden Lichtstrahl des Leuchtturms und hörten zu, wie die Wellen an den Strand gespült wurden.
Als die Schmerzen allmählich etwas erträglicher wurden, schaute Helen an ihrem Körper herab. Soweit sie sehen konnte, war ihr Körper äußerlich nicht verletzt, aber innerlich hatte sie das Gefühl, als würde sie entzweigerissen. Gleichzeitig strahlte ihr Körper eine unerträgliche Hitze aus und brannte wie Feuer. Sie kannte das Gefühl. Etwas Ähnliches hatte sie nach ihrem Fahrradunfall gespürt. Sie hatte sofort gewusst, dass ihr Arm gebrochen war, aber als er dann geröntgt wurde, war so gut wie keine Verletzung mehr zu sehen. Das Brennen bedeutete, dass ihre Verletzungen heilten.
Irgendwie war sie vom Himmel gefallen und hatte überlebt. Sie fing an zu weinen. »Hab keine Angst«, brachte Lucas hervor. »Schmerzen vergehen.«
»Sollte tot sein«, jammerte sie leise. »Was bin ich bloß für ein Monster?«
»Nicht Monster. Du bist eine von uns«, sagte er mit etwas kräftigerer Stimme. Er heilte genauso schnell wie Helen. »Und was ist das?« »Wir nennen uns Scions – Nachkommen.«
»Nachkommen?«, murmelte Helen. »Von wem?« Sie hörte ihn zwar antworten, aber das Wort ›Halbgott‹ war so weit von allem entfernt, womit sie gerechnet hatte. Sie war auf etwas Schreckliches, vielleicht sogar Böses vorbereitet gewesen, das sie zu dem machte, was sie war. »Häh?«, stieß sie verdutzt hervor und war so überrascht, dass sie sogar aufhörte zu weinen.
Lucas musste lachen. »Autsch. Bring mich nicht zum Lachen«, schnaufte er und seine Brust bebte dabei auf und ab. Es fühlte sich lustig an, wie ihr Kopf herumgerüttelt wurde, und so fing auch sie an zu lachen und konnte nicht mehr damit aufhören. »Das tut echt weh«, sagte Lucas, als er sich endlich wieder im Griff hatte. »Wenn du aufhörst, hör ich auch auf«, meinte Helen. Auch ihr Lachanfall war fast vorüber. Sie kicherten noch leise vor sich hin und konzentrierten sich erneut darauf, ihre Schmerzen zu regulieren und ihre Körper zu heilen. Mit einem Ohr hörte Helen das regelmäßige Pochen von Lucas’ Herz und mit dem anderen das Kreischen der Möwen. Die Morgendämmerung brach bereits herein und sie fühlte sich zum ersten Mal seit Wochen vollkommen sicher.

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